Gioachino Rossini (1792–1868)

Leben und Werk

Gioachino Rossini kommt am 29. ­Februar 1792 als einziger Sohn des Hornisten ­Giuseppe Rossini und der Sängerin Anna Rossini (geb. Guidarini) in Pesaro zur Welt. Er stirbt am 13. November 1868 an den Folgen einer Darmoperation in Paris.
Mit 12 Jahren gelangt seine erste Komposition in Imola zur Aufführung. Im ­Alter von 13 hat er seinen ersten Auftritt als Sängerknabe. Die Familie übersiedelt nach Lugo (1802) und nach Bologna (1804), wo Gioachino das Liceo Musicale besucht, dieses aber 1810 ohne Abschluss hinter sich lässt. Mit 20 Jahren tritt er in Venedig zum ersten Mal als Opernkomponist auf.
1815 wird er nach Neapel berufen, wo er zwei Opernhäuser leitet. Hier lernt er die spanische Primadonna Isabella Colbran kennen, mit «einer exzeptionellen ­Koloraturfähigkeit und grossartigen Ausdruckkraft» zu den berühmtesten ­Sängerinnen jener Zeit gehörend. Giaochino und Isabella heiraten 1822.

Neben den Aufgaben als Intendant bringt Rossini seine berühmten Opern auf die Bühne, die er zum Teil in rekordverdächtig kurzer Zeit zu Papier bringt. Bereits in jungen Jahren ist er in den Fürstenhäusern des damaligen Europas ein gefeierter Star: Die erste wichtige Auslandreise macht das Ehepaar 1822 nach Wien. Ein Jahr später folgen Aufenthalte in Paris und in London. Ab August 1824 ist Rossini Leiter an der italienischen Oper in Paris. Zwei Jahre später beginnt er, französische Opern für die Bühne der Académie royale de musique (der «Opéra») zu schreiben. Doch im Jahr 1829 gelangt mit «Guillaume Tell» die letzte von insgesamt 38 Opern zur Aufführung. Das hat seine rechtliche Begründung: Infolge der Julirevolution von 1830 wird ihm die vertraglich zugesicherte Leibrente aberkannt, die er sich gerichtlich zurück erstreitet. Während dieser Zeit kann er wegen seines Exklusivvertrags keine Opern komponieren.

Von Isabella Colbran lebt Rossini de facto seit 1830 und de jure ab 1837 getrennt. Zu dieser Zeit hat er bereits seine neue Lebensgefährtin kennengelernt. Ab 1836 wirkt Rossini in Bologna als Direktor des Musik-Lyzeums und muss 1848 wegen Unruhen nach Florenz fliehen. Er ist auch weiterhin zumindest sporadisch als Komponist tätig, widmet sich aber mehr der geistlichen und der Kammermusik. Sein berühmtes «Stabat Mater», bereits 1832 für Madrid begonnen, erlebt 1842 in Paris die Uraufführung. Die italienische Erstaufführung folgt kurz darauf unter der Leitung von Gaetano Donizetti in Bologna.

Glückliche Jahre in Paris
Obwohl deutlich über einer Stunde Aufführungsdauer, tauft Gioachino Rossini sein letztes grosses Werk augenzwinkernd «Petite Messe solennelle». Im Jahr 1863 komponiert, fällt diese in jene fruchtbare Phase seines Spätwerks mit rund 150 Vokal- und Klavierkompositionen, die der Maestro als «Péchés de vieillesse» («Alterssünden») verniedlicht.

Als international gefeierter Komponist kehrt er 1855 nach Paris zurück. Treibende Kraft ist das Künstlermodell Olympe Pélissier (1799-1878), ab 1846  seine Ehefrau. Sie sorgt sich um Gioachino, der von Depressionen und einer ­Geschlechtskrankheit geplagt wird. Nebst einer Stadtwohnung bezieht das Ehepaar die Sommerresidenz «Villa Rossini» in Passy (heute 16. Pariser ­Arrondissement). Im traumhaft schönen Ambiente und abgehoben vom Aktivismus der früheren Schaffensjahre blüht Rossini auf. Zur (seelischen) Gesundung tragen auch Badekuren in Wildbad (Schwarzwald) und Bad Kissingen (Unterfranken) bei. Obwohl zurückgezogen und dem Klavierspiel mit Improvisieren und Komponieren zugetan, ist es auch eine Zeit voll gastlicher Lebenslust und fruchtbarem Begegnungsgeflecht. Das Ehepaar lädt zu den heiss begehrten «Soirées musicales» ein. Der leutselige Gastgeber und Genussmensch Rossini steht auch selbst in der Küche, um die Gaumenfreuden zuzubereiten.

Der Komponist nimmt alles reflektierend auf, was ihm die Musikmetropole an künstlerischen Anregungen bieten kann. In Bologna und Florenz hat er sich schon intensiv mit den Wiener Klassikern (Haydn, Mozart und Beethoven) auseinandergesetzt. Nun tauscht er sich mit seinem Freund und Musikerkollegen Ferdinand Hiller aus und pflegt u. a. gute Kontakte zum österreichischen
Musikkritiker Eduard Hanslick sowie zu Emil Naumann (auf dessen Grossvater wir bei der Aufführung der «Missa Prima» von Friedrich Theodor Fröhlich gestossen sind). Über Begegnungen mit Hiller und Mendelsohn lernt er die Werke von J. S. Bach und namentlich dessen
«h-Moll-Messe» kennen, in deren Harmonien er sich à fonds vertieft. Auch die Werke von Chopin, Schumann und Liszt usw. prägen sich ihm ein.

Mit seinen Opern und seinem Spätwerk gilt Rossini als Wegbereiter vom Klassizismus zur Romantik. In seinen vokalen und kammermusikalischen Stücken zu liturgischen Texten leistet er seinen Beitrag zur «Neubelebung geistlicher Musik», zu der im Gefolge des Musikpädagogen Alexandre-Etienne Choron (1771–1835) sein Freund und Schützling Louis Niedermeyer gehört, geboren 1802 in Nyon und ausgebildet in Wien, Rom und Neapel.